90er - schreckliches Jahrzehnt

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Peter
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AW: 90er - schreckliches Jahrzehnt

Beitrag von Peter » So Okt 27, 2019 7:09 pm

Bezogen auf die Musik:
Ich finde, die Masse an wirklich guter Musik in den Charts und Discos ist (für meinen Geschmack) ab ca. 1987 stark zurück gegangen. Die 90er hatten zwar auch einige gute Stücke (Dancefloor, Pop, ...) aber bei weitem nicht mehr so viel wie in den 70ern und 80ern.
Ist natürlich sehr subjektiv betrachtet.
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lautlos
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AW: 90er - schreckliches Jahrzehnt

Beitrag von lautlos » Mo Okt 28, 2019 10:36 am

Die Diskussion um die 90er hatten wir hier im Forum schon und sie ist im Prinzip ein kleines bisschen sinnlos: Wer in diesem Jahrzehnt seine (glückliche) Jugend hatte - so wie ich - wird sich daran v.a. positiv zurückerinnern.

An die Charts-Musik habe ich auch noch schreckliche Erinnerungen, das war der Grund für mich, schon damals nur 80er und, wenns aktuell sein sollte, Heavy Metal/HardRock zu hören. Da gabs einiges an guten Sachen, es war bei Weitem nicht alles grungig und alternativ. Aber auch Euro/House war nicht alles: Die 90er hatten Brit-Pop, Schlager, Latin und was weiß ich noch alles zu bieten. Und sie war noch zu "Greifen". Selbst zwei Musiksender! Mittleweile sind Viva/Viva II tot und längst eingesargt - traurig und doch ein schönes Stück Erinnerung. Zurückblickend waren die 90er, also kurz vor dem Internethype, die letzte Zeit der Jugendbewegungen, allen voran die Love Parade, aber eben auch Slacker und die gesamte Clubkultur. Danach existierten praktisch nur noch diese diversifizierten Mini-Trends, was ich heute als den größten Verlust empfinde, auch wenn ich den großen Strömungen dieser Jahre kaum etwas abgewinnen konnte. Es wäre schön heute mehr gemeinsam zu haben als die eigene Filterblase.

Für mich persönlich bedeuteten die 90er neben härterer Musik auch den Aufstieg des PCs, was damals total faszinierend war. Kann sich heute wahrscheinlich kaum jemand mehr vorstellen, wie atemberaubend die Entwicklung verlief. Jeden Monat neue (& viele!) Spiele, die immer besser aussahen, klangen etc. Das Intenet lockte noch als mysteriöser Ort, heute schnöde entzaubert und zugänglich für jedermann. Dass dieses Medium seine Verheißungen nicht einlösen konnte, empfinde ich immer noch als große Enttäuschung.

Ich hatte mein erstes Handy, mit "Snake" und SMS, Gott was war das cool! Die Rechnungen ruinierten einen zwar, aber jetzt immer und überall kommunizieren zu können, diese Möglichkeiten! Ich bin sogar bezahlt worden, zumindest am Anfang, wenn jemand "schnell mal wo anrufen" wollte. Kann man sich heute kaum vorstellen!

Die 90er waren außerdem das letzte große Jahrzehnt der Printmagazine, solche Auflagen erlebt die Branche seit dem Aufkommen des Netzes nicht mehr. Ebenso lineares TV: Was war ich begeistert von den privaten TV-Sendern, was da alles kam! Sicher, der Schund an Talkshows war genauso unerträglich wie die heutige Scripted Reality (und wurde dankenswerterweise von Kalkofe auf die Schippe genommen), aber bunt war das Programm allemal. Gameshows, Filme, Serien - und zwar nicht plattform-exklusiv! - und alles in nie gekannter Schlagzahl. Denkt mal nach, wie oft ihr Al Bundy, Akte X oder Roseanne geschaut habt und wie oft man sich darüber, z.B. auf dem Pausenhof, ausgetauscht hat.

Vor allem aber war das Jahrzehnt kein so politisches wie heute. Zurückblickend wirkt das alles wie Kindergarten. Klar hatten wir Golfkrieg und Jugoslawien, aber diese hysterische Stimmung, diese Angst wie heute, das gabs nicht. Im Prinzip war das ein friedliches Jahrzehnt, wir dachten, nun haben wir die Teilung hinter uns, den Rest schaffen wir auch. Wer damals sozialisiert wurde, kann vermutlich mit den heutigen Diskussionen wenig anfangen. Außer vielleicht Umweltschutz. Die Diskussion wirkt vielleicht neu, aber man hätte sie schon damals konsequenter führen müssen. Da hat sich die Generation X schuldig gemacht und die Jungen müssen es nun ausbaden. Das war im Rückblick sicher der größte Fehler. Neben Batik-Shirts.

Edit: Gerade den Artikel gelesen: Also wer nichts von Pearl Jam oder Nirvana mitbekommen hat, sorry, der hat weder Bravo noch sonstwas gelesen, keine Freunde gehabt und auch kein Fernsehen. Und Euro-Dance und Rap lief im Radio längst nicht auf allen Sendern, genauso wenig wie heute. Man muss schon mit sehr engen Scheuklappen und als pures Partygirl rumgelaufen sein, um die 90er derart eindimensional abzustempeln. Jeans z.B. waren damals immer noch Mode, ich selbst hatte etliche Jacken (trägt MANN heute praktisch überhaupt nicht mehr) und der Hang zu Synthetik passt wohl auch nur zu bestimmten Szenen. Warum erweitern solche Schreiberlinge nicht erstmal ihren Horizont, bevor sie diese Artikel verfassen?
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AW: 90er - schreckliches Jahrzehnt

Beitrag von vg8010 » Sa Nov 02, 2019 7:57 pm

Musikalisch haben die 90-er-Jahre für mich im Grunde gar nicht stattgefunden - Musik habe ich hauptsächlich von CD gehört, mein Musikgeschmack ging und geht ohnedies mehr in Richtung Klassik + Musik der Jugend, und Radio habe ich schon damals nicht mehr gehört - auch weil ich den größten Teil der 90-er-Jahre keines besaß. Zur Mode kann ich auch nichts sagen - die war auch nie mein Thema, und bei mir ist nichts Spezielles aus jener Zeit hängen geblieben.
Aber technisch waren die 90-er für mich noch faszinierender und ergiebiger, als es die 80-er gewesen waren. 1990 brachte meinen ersten Unix-PC, bald darauf kam Linux, und Mehrbenutzerbetrieb, Vernetzung von UUCP bis schließlich Internet boten sehr viel viel Spaß und sehr viel Neues. Von der Benutzeroberfläche her waren die 90-er für mich tatsächlich ein Rückschritt - von der (damals) führenden grafischen Oberfläche a la Atari ST zur Kommandozeile unter Unix und schließlich Linux. Aber eben auch echter Speicherschutz, echtes Multitasking und jede Menge Netzwerktechnik. 50 Zentimeter O'Reilly-X11-Handbücher für die ersten Programme mit grafischer Oberfläche unter Linux... Und Großrechner, sowohl OS/390 (mit virtuellen Lochkarten) und OS/2200 (wo das Bit aus 9 Bytes besteht). Hach, Nostalgie pur!
Zugleich war es natürlich auch beruflich die gute Zeit: Alle rissen sich um IT-Kundige, das Gehalt stieg zügig, die Aufgaben wurden immer interessanter, und wenn ich trotzdem zusätzliches Geld brauchte, nahm ich einfach eine Woche Urlaub und hielt ein gutbezahltes Firmenseminar zu Unix-Fragen. Auch das (fachfremde) Studium fiel in diese Dekade. Bergab geht es für mich erst seit den 2000-ern. ;-) Es gab dann schon noch Faszinierendes - der private Umstieg auf MacOS; Smartphones mit Softwareentwicklung zuerst unter Symbian und später unter Android (inzwischen iOS - dort aber noch nichts programmiert).
Aber inzwischen erlebe ich die technischen Entwicklungen mehr als "more of the same" denn als echte Revolutionen. Und das, was echte Revolution ist, erlebe ich als politisch und gesellschaftlich höchst fragwürdig - die totale Virtualisierung (Streaming statt Datenträger - auch ökologisch ein Wahnsinn), totale Vernetzung mit der dadurch ermöglichten Totalüberwachung. Douglas Adams (Held meiner Jugend, 2001 jung gestorben) hat seinerzeit gesagt: [quote]"Alles, was vor unserer Geburt an Technik da ist, wird als gegeben hingenommen. Alles, was zwischen unserem 15. und 35. Lebensjahr auftaucht, ist ungemein spannend. Alles, was danach auftaucht, ist des Teufels."[/quote] 35 war es bei mir nicht, aber inzwischen weiß ich wirklich, was er damit gemeint hat.
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